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Gutachten von L. Euler, J. Kies und C. F. Ludolff vom 22.7.1751 über eine Erfindung des Hofschlossers Schröder, die Lagerung von Achsen auf Rollen durch Verminderung der Reibung zu verbessern

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Berlin, 22.7.1751

Zu folg der von der Königlichen Academie der Wissenschaften aufgetragenen Commission haben wir die von dem Hof-Schlösser Herrn Schröder verfertigten Modelle untersuchet, und befunden

  1. Eine gantz neue Erfindung die Friction in der Bewegung aller horizontal ligenden Axen zu vermindern. Dann obgleich der Grund davon schon seit geraumer Zeit bekannt, indem die Axen auf bewegliche Rollen gelegt zu werden pflegen, da dann die gantze Friction auf die kleinen Axen dieser Rollen gebracht, und folglich gantz ungemein vermindert wird: so ist doch die Schröderische Erfindung davon gantz verschieden, indem um die Axen Ringe gelegt werden, so in ihrem Umkreiße mit Rollen versehen sind, dergestalt daß die Axen in diesen Ringen auf der Pfanne herumlauffen. Weil nun die Axen immer auf den Rollen dieser Ringe aufligen, so wird dadurch der gröste Theil der Friction gehoben, und die übergebenen Modelle weisen auch gantz klar aus, daß die Bewegung einen weit geringeren Wiederstand leidet, als wann man die Axen unmittelbar in den Pfannen lauffen läßt: dahero diese Art bey Mühlen und Führwerken, wo ein sehr großer Theil der bewegenden Krafft zu Überwindung der Friction angewandt werden muß, mit um so viel größerem Vortheil wird angebracht werden können, da dazu weder eine Veränderung in den Maschinen selbst, noch große Unkosten erfordert werden.

  2. Hiebey aber ist gleichwohl in Erwägung zu ziehen, daß auf diese Art die Axen eine gewisse hüpfende Bewegung erhalten, und nicht so ruhig lauffen, als entweder nach der gemeinen Art, oder wann dieselben auf Rollen deren Axen unbeweglich sind, aufligen. Dann da auf diese Art die Axe immer zwischen zwey Rollen aufligt, diese Rollen aber mit dem Ring herumgehen, so wird die Axe auch mit denselben erhoben, biß dieselbe von der aufligenden Last auf zwey andere Rollen gedrungen wird, dahero die Axe sowohl seitwerts als auf- und ab-werts hüpfen muß. Diese hüpfende Bewergung wird aber um so viel kleiner und unmerklicher seyn, je kleiner die Rollen des Rings gemacht werden, inzwischen wird es doch nicht rathsam seyn diese Art bey solchen Maschinen anzubringen, wo eine solche hüpfende Bewegung schädlich seyn könnte, und in solchen Fällen wird es vielmehr dienlich seyn sich solcher Rollen, deren Axen in der Pfanne befestiget sind, zu bedienen. Bey dem Fuhrwerk aber und insonderheit bey l’affuiten4 wird diese Schröderische Invention herrliche Dienste leisten können.

  3. Ferner hat H[err] Schröder eine besondere Art die Friction in der Bewegung aufrecht stehender Axen zu vermindern, welchen allen Beyfall verdienet, und da dieselbe keine hüpfende oder erschütternde Bewegung verursachet, bey allen Maschinen wo dergleichen Axen befindlich sind, mit dem grösten Vortheil wird angebracht werden können. Und da auf diese Art die Friction gar merklich vermindert wird, so kan man auch gewiß versichert seyn, daß dergleichen Maschinen weit größere Dienste leisten werden.

  4. Die übrigen Modelle betreffen den Mühlenbau, und unter denselben verdienet insonderheit die vorgeschlagene Feld-Mühle alle Aufmerksamkeit, indem dabey das horizontal Rad auf eine sinnreiche Art ohne Axe dergestalt angebracht ist, daß fast alle Friction gehoben wird: dahero man sich davon zu Feld einen weit größeren Vortheil versprechen kan, als von den gewöhnlichen Hand oder Pferd Mühlen: als wo ein großer Theil der Krafft bloß allein um die Friction zu überwinden, verwandt werden muß.

  5. Was ferner bey den Mühlen die Art anlanget, beyde Steine zugleich in Bewegung zu setzen, so ist dieselbe sehr wohl ausgedacht, und wird das Getreyde solcher Gestalt mit weit größerer Gewalt zermalmet. Hiebey ist aber zu erwägen, daß auf solche Weise eine so große Geschwindigkeit das Getreyde allzu stark erhitzen und dem Meel schädlich seyn könnte. Allein in diesem Fall dar man nur die Maschine um so viel langsamer laufen lassen und dazu wird auch eine weit kleinere Krafft hinlänglich seyn als nach der gewöhnlichen Art.

  6. Überhaupt aber ist hier zu bemerken, daß alle Verbesserung, welche bey den meisten Maschinen noch zu erwarten stehet, bloß allein in der Verminderung der Friction zu suchen ist. Dahero alle Vorschläge, welche dahin abzielen, nicht nur alle Aufmerksamkeit verdienen, sondern es wäre auch zu wünschen, daß darüber würkliche Proben im großen angestellet würden, weil es alsdann um so viel leichter fallen würde, die Fehler, so noch mit denselben verknüpft seyn möchten, zu verbessern, als welches das einzige und sicherste Mittel zu seyn scheinet, die Maschinen zum höchsten Grad der Vollkommenheit zu brinden.

L. Euler     Kies     Ludolff

1 Das von L. Euler eigenhändig verfasste und von den Akademiemitgliedern J. Kies und C. F. Ludolff mitunterzeichnete Gutachten war durch das Generaldirektorium, der obersten Zentralbehörde des preußischen Staates, von der Akademie angefordert worden. In der Akademiesitzung am 22.7.1751 erstatteten L. Euler, J. Kies und C. F. Ludolff nach Prüfung der vom Hofschlosser eingesandten Modelle ihren Bericht über dessen Erfindung. Das Plenum beauftragte den Akademiesekretar, eine Kopie dieses Gutachtens an das Generaldirektorium zu senden. Die von Schröder eingesandten Modelle haben sich nicht erhalten.
2 Kies, Johannes (14.9.1713-29.7.1781), ordentliches Mitglied der Berliner Akademie der Wissenschaften, Professor für Mathematik und Physik, Astronom der Berliner Akademie
3 Ludolff, Christian Friedrich (5.3.1707-22.10.1763), ordentliches Mitglied der Berliner Akademie der Wissenschaften, Professor am Collegium medico-chirurgicum in Berlin
4 Lafetten

Archiv der BBAW, Bestand Preußische Akademie der Wissenschaften, I-V-30, Bl. 1a-2; behändigte Reinschrft, egh.